Für ein lebenswertes Kelsterbach

 

Interview
In Kelsterbach hat sich eine neue Bürgerinitiative gegründet. Sie wendet sich – so sagt es ihr Statut – in erster Linie gegen die negativen Auswirkungen des Flughafenausbaus. Sie will sich aber auch um andere Belange der Stadt kümmern und den Bürgern eine Stimme geben. Dazu führten wir ein Gespräch mit den beiden Sprecherinnen der BI, Eleonore Wagner und Annerose Tanke.

Frau Wagner, Frau Tanke, wie kam es zur Gründung der neuen Bürgerinitiative Kelsterbach? Es gibt doch die IGEL…

Eleonore Wagner (EW): Unsere Bürgerinitiative hat natürlich eine Vorgeschichte. Begonnen hat alles mit der denkwürdigen Stadtverordentenversammlung am 09. Februar diesen Jahres, als Bürgermeister Ockel einen Vertrag mit der Fraport im Stadtparlament durchbrachte und es nur noch einen Weg gab, dies zu verhindern: ein Bürgerbegehren.

Annerose Tanke (AT): Gegen das so genannte Eckpunktepapier, mit dem die Stadt weit mehr Wald- und Gewerbeflächen an die Fraport verkaufen will als für die Landebahn nötig sind. Und das zu Preisen, die man nur als lächerlich bezeichnen kann. Unsere Stadt bezeichnet sich immer noch als „Ausbaugegner“, räumt aber der Fraport, z.B. durch einen im Eckpunktepapier festgelegten Klageverzicht gegen den Ausbau viele Steine aus dem Weg. Da geht etwas nicht zusammen. Das Bürgerbegehren haben Reinhold Hörner, Werner Suppus und Eleonore angeschoben.

Ihre BI hat 15 Gründungsmitglieder wie Sie schreiben. Waren die alle von Anfang an dabei?

EW: Die meisten. Als wir anfingen, Unterschriften für das Bürgerbegehren zu sammeln, kamen wir natürlich mit vielen Menschen ins Gespräch und viele waren spontan bereit, uns zu unterstützen. Sie sammelten Unterschriften halfen Flyer zu erstellen und auszutragen, backten Kuchen für den Infostand auf dem Markt und: spendeten Geld. Wofür wir allen heute noch sehr dankbar sind. Dabei haben wir auch gemerkt, wie viele Leute mit der Politik, insbesondere der Informationspolitik in dieser Stadt unzufrieden sind. Das hat uns natürlich motiviert und letztlich: Mehr als 2000 Stimmen beim Bürgerentscheid gegen das Eckpunktepapier sprechen eine sehr deutliche Sprache!

AT: Man muss sich das mal vorstellen: Wir haben mehr Stimmen bekommen als SPD und CDU bei den letzten Kommunalwahlen! Wir wären stärkste Fraktion im Stadtparlament geworden, wäre es eine Wahl gewesen!

Haben Sie bereits konkrete Vorstellungen für die nächste Zeit?

EW: Wir warten schon seit Ende Mai auf das versprochene Lärmschutzgutachten für den Hasenpfad. Wir fragen uns, warum dieses Gutachten bis heute nicht vorliegt und wie andere Stadtteile geschützt werden sollen. Das Gebiet nördlich der Südlichen Ringstraße leidet schon jetzt, ohne Landebahn und ohne geöffnete, alte Schallschutzmauer unter einer erheblichen Zunahme des Lärms.

AT: Wobei wir gespannt sind, wie dieses Gutachten ausfällt, weil – soweit wir wissen – keine Messstellen in Kelsterbach aufgestellt worden sind. 1968 war das anders: da wurden extra acht Messstationen eingerichtet. Generell sollten sich auf allen Schulen Lärm- und Schmutzmessstellen befinden.

EW: Denn in Zukunft haben wir es nicht nur mit dem Flughafenlärm und –dreck zu tun, sondern auch mit der Müllverbrennungsanlage und deren Zulieferverkehr.

Der Bürgerentscheid ist am 25%-Quorum gescheitert. Worin sehen Sie trotzdem den Erfolg?

EW: Ich wollte immer, dass alle interessierten Kelsterbacher wissen, worum es beim Eckpunktepapier geht. Und, dass anschließend keiner sagen kann, „das haben wir nicht gewusst.“ Ich werte es als Erfolg, dass das Eckpunktepapier noch einmal in die Stadtverordnetenversammlung muss und inhaltlich auf keinen Fall so verabschiedet wird wie am 9. Februar. Ich gehe davon aus, dass es gravierende Änderungen zu Gunsten Kelsterbachs geben wird.

Worin sehen Sie die Aufgabe der Bürgerinitiative?

AT: Uns ist bei unserer gemeinsamen Arbeit aufgefallen, dass es noch viele Dinge in Kelsterbach gibt, die verbesserungswürdig sind. Ich persönlich war etwas schockiert, wie wir von bestimmten Leuten behandelt worden sind und wünsche mir mehr Toleranz, Respekt und vor allem Ehrlichkeit in Kelsterbach.Wir wollen eine lebenswerte Stadt für alle! Und wir sind jederzeit bereit, wieder auf die Barrikaden zu gehen! (lacht)

EW: Es werden noch ganz andere Herausforderungen auf die Stadt zukommen in Zukunft: Denken Sie nur an das Haushaltsloch, die Müllverbrennungsanlage mit ihren Emissionen, die geplante Westtangente, die wieder über Kelsterbacher Gebiet laufen soll und wieder Wald und Feld kosten wird. Da gibt es genug zu tun. Vor allem: viel Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung zu leisten.

Wie beurteilen Sie die Chancen für die Bürgerinitiative Kelsterbach?

AT: Nach dem Bürgerentscheid wurden wir sehr oft angesprochen, wie wir denn weitermachen wollten und dass wir von Vielen die Unterstützung hätten. Deshalb glauben wirnatürlich, dass wir noch mehr Menschen motivieren können, bei uns mitzumachen. Junge und Alte!

EW: Vor wenigen Tagen hat Bundespräsident Köhler gesagt „Wir müssen viel mehr Demokratie leben und uns nicht im Sessel zurück lehnen“. Das ist genau das, was ich mir für Kelsterbach wünsche. Schließlich gehört diese Stadt allen Bürgern und nicht nur einer Partei.

Frau Wagner, Frau Tanke, wir bedanken uns für das Gespräch. Interessierte Bürger erreichen Eleonore Wagner unter der Telefonummer 06107-1349 und Annerose Tanke unter 06107- 61819. Das Statut der Bürgerinitiative Kelsterbach kann abgerufen werden unter www.bi-kelsterbach.de